Mitarbeiter- und Patientensicherheit

Gefährdungsbeurteilung Nadelstichverletzungen

Andreas Wittmann

von: Mölnlycke Health Care, Oktober 29 2013Beiträge: Mitarbeiter- und Patientensicherheit

Um Gefahren zu vermeiden und Gefährdungen verringern zu können, muss man sie kennen.

Dem trägt der deutsche Gesetzgeber unter anderem dadurch Rechnung, dass er im Arbeitsschutzgesetz vom Arbeitgeber eine Beurteilung der Arbeitsbedingungen fordert (§ 5 ArbSchG), die so genannte Gefährdungsbeurteilung. Der Arbeitgeber muss die Gefährdungen für seine Beschäftigten ermitteln und nach einer Beurteilung dieser Gefährdung die erforderlichen Schutzmaßnahmen festlegen.

Für Beschäftigte in Gesundheitsberufen besteht ein nicht unerhebliches Risiko, sich durch Verletzungen an gebrauchten spitzen und oder scharfen Gegenständen (Nadelstichverletzungen) mit gefährlichen Infektionskrankheiten zu infizieren.

Risiko für Nadelstichverletzungen

Das Risiko eine Nadelstichverletzung zu erleiden hängt von sehr vielen Faktoren ab. Versuche, bei bestimmten Instrumenten (Beispielseise Blutentnahmesystemen oder Venenverweilkathetern ein besonders hohes Unfallrisiko zu identifizieren scheiterten in der Vergangenheit. Unwidersprochen steigt aber das Risiko für Stich- und Schnittverletzungen mit der Häufigkeit deren Nutzung. Dies bildet sich beispielsweise auch in der EPINet™ Statistik ab, in der den häufig genutzten Instrumenten (z.B. Heparinspritzen, Insulinspritzen) besonders häufig als unfallauslösender Gegenstände genannt werden.

 Infektionsrisiko

Das Infektionsrisiko nach einer Nadelstichverletzung setzt sich zunächst aus zwei Faktoren zusammen:

  1. Der Quellpatient muss Träger der entsprechenden Krankheitserreger sein. In seinem Blut oder anderen Körperflüssigkeiten müssen die relevanten Erreger in genügend hoher Konzentration vorhanden sein. Entscheidend für das Risiko eines Beschäftigten ist also die Seroprävalenz der gefährlichen Erreger bei den betreuten bzw. behandelten Patienten.
  2. Das Zustandekommen einer Infektion ist einerseits vom Immunsystem des Empfängers und der Vermehrungsfähigkeit des jeweiligen Erregers abhängig, andererseits aber auch von der übertragenen Erregermenge. Für eine virale Infektion ist eine Übertragung von genügend vermehrungsfähigen Erregern notwendig. Neben der vorhandenen Viruslast im Spenderblut spielt auch die (vom Erreger abhängige) Anzahl pathogener Partikel, die für eine Infektion notwendig sind (Infektionsdosis), eine wichtige Rolle. Diese beiden Faktoren korrelieren direkt mit der bei einem Nadelstich übertragenen Blutmenge, der damit die entscheidende Rolle bei der Serokonversion zukommt.

 Gefährdungsbeurteilung mittels Risikograph

Unter Risiko wird in den Sicherheitswissenschaften das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensschwere verstanden. Ein in der Sicherheitstechnik gängiges Werkzeug zur Risikobeurteilung ist die auf diesem Risikobegriff beruhende Risikomatrix nach Nohl[1]. Darin werden auf der Ordinate Kategorien für die Eintrittswahrscheinlichkeit aufgetragen und auf der Abszisse Kategorien für die Schadensschwere.

Auf diesem Risikograph beruht die hier vorgestellte Risikomatrix für Nadelstichverletzungen (Abb.1).

 

 

Abb. 1: Risikomatrix für Nadelstichverletzungen, mittlere Seroprävalenz für HBV, HCV und HIV im Patientengut

Die hier dargestellte Matrix beruht auf der Annahme, eine für Krankenhäuser in Deutschland repräsentative Seroprävalenz bei den arbeitsmedizinisch relevanten Erregern HBV, HCV und HIV im Patientengut vorzufinden. [2], [3], [4]

Bei deutlich anderer Infektionsgefährdung durch hohe Seroprävalenzraten (z.B. auf Infektionsstationen) würde sich der rot eingefärbte Bereich entsprechend vergrößern. Die hier dargestellte Risikomatrix kann dabei helfen, Bereiche bzw. Tätigkeiten mit besonders hohem, mit mittlerem und geringem Infektionsrisiko zu erkennen. Besteht Handlungsbedarf, sind die zu ergreifenden Schutzmaßnahmen nach der als (S)TOP Prinzip bekannten Rangfolge zu ergreifen, d.h. technische Maßnahmen, wie die Verwendung sogenannter sicherer Instrumente, sind vorrangig zu organisatorischen oder persönlich wirksamen Maßnahmen.

 

Situation in Deutschland

Durch das Arbeitsschutzgesetz[5] mit seiner Forderung, Gefahren an der Quelle zu bekämpfen, die Biostoffverordnung[6] und nicht zuletzt die TRBA 250 werden in der Bundesrepublik die Schutzmaßnahmen für Beschäftigte im Gesundheitsdienst eingehend geregelt. Die TRBA 250 führt aus, dass „sichere Arbeitsgeräte“, also  Nadeln, Kanülen etc. mit geeigneten Sicherheitsmechanismen stets einzusetzen sind, insbesondere dann, wenn mit der Übertragung von Blut oder anderen Körperflüssigkeiten in infektionsrelevanter Menge zu rechnen ist.



[1] Nohl, J.: Verfahren zur Sicherheitsanalyse, Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1989

 [2] Hofmann F, Michaelis M, Kralj N, Schroebler S: Verlauf der Hepatitis-B-Virus-Seroprävalenz zwischen 1984 und 2001 in zwei großen klinischen Einrichtungen, in: Dokumentationsband über die 44. Jahrestagung der Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V., Rindt-Druck, Fulda 2004: 383 - 385

 [3] Hofmann F, Michaelis M, Rieger MA. Wilke B: Prävalenz von Hepatitis-Virus-Markern (A, B und C) bei Beschäftigten einer psychiatrischen Einrichtung, in: Dokumentationsband über die 43. Jahrestagung der Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V., Rindt-Druck, Fulda 2003: 619 - 621

 [4] Schroebler S: Infektionsrisiko durch Nadelstichverletzungen für Beschäftigte im Gesundheitsdienst, in: Dokumentationsband über die 40. Jahrestagung der Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V., Rindt-Druck, Fulda 2000:295-296

 [5] Arbeitsschutzgesetz vom 7. August 1996 (BGBl. I S. 1246), das zuletzt durch Artikel 15 Absatz 89 des Gesetzes vom 5. Februar 2009 (BGBl. I S. 160) geändert worden ist

 [6] Biostoffverordnung vom 27. Januar 1999 (BGBl. I S. 50), die zuletzt durch Artikel 3 der Verordnung vom 18.Dezember 2008 (BGBl. I S. 2768) geändert worden ist

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