Ergonomie

Patientenbehandlung systemergonomisch gestalten – eine unlösbare Aufgabe?

von: Mölnlycke Health Care, Januar 16 2014Beiträge: Ergonomie

Immer wieder dominieren Behandlungsfehler und deren u. U. dramatische Auswirkungen die Schlagzeilen der Presse. Nicht immer liegt die Ursache im menschlichen Versagen. Im Gegenteil scheint es sich häufig um vermeidbare Systemfehler zu handeln. Gerade dann, wenn Medizinprodukte aktiv oder auch passiv Teil der Fehlerkette sind, stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte. Sind doch die Anforderungen an Medizinprodukte und deren ergonomische Entwicklung sehr streng.

 

Die Forderung: Systemergonomische Gestaltung

Die DIN EN 60601-1-6: 2004 zur Gebrauchstauglichkeit von medizinisch elektrischen Geräten fordert, dass ergonomische Aspekte während des gesamten Entwicklungsprozesses neuer Medizinprodukte zu berücksichtigen sind. Ziel ist nicht nur die bestmögliche „Mensch-Maschine-Interaktion“, sondern vielmehr die bestmögliche „System-Maschine-Interaktion“ sicherzustellen. Es gilt, sowohl die Ergonomie eines einzelnen Produktes als auch des gesamten Systems, also auch der Arbeitsplätze und -prozesse zu gewährleisten. Essenziell ist hier, das Medizingerät als Teil eines größeren, komplexen „Behandlungssystems“ zu begreifen, Einflüsse und Wechselwirkungen zu erkennen und so mögliche Fehlerquellen frühzeitig zu erfassen. Letztere gilt es durch technische Gestaltung zu eliminieren. Ist die Anforderung an eine solche „systemergonomische“ Produktentwicklung von den Herstellern in der notwendigen Konsequenz erfüllt? Die Realität der heutigen Patientenbehandlung spricht nicht dafür. Doch was ist die Ursache?

Betrachtet man das heutige Behandlungssystem durch die ergonomische Brille, zeigt sich, dass Behandlungsabläufe trotz medizinischer Leitlinien und „Clinical Pathways“, nach wie vor unzureichend definiert sind. Auch fehlt es an explizit formulierten, strukturellen Anforderungen (z.B. Raum, medizin-, informations- und kommunikationstechnische Ausstattung). Häufig mangelt es an Transparenz und einem stringenten, umfassenden (klinischen) Risikomanagement. Das unübersichtliche Angebot an heterogenen Medizinprodukten unterschiedlichster Hersteller beeinträchtigt zusätzlich die Arbeitsplatzergonomie. Arbeitsverdichtung und unzureichend unterstützte Behandlungsabläufe erhöhen den Druck. Fehler scheinen vorprogrammiert. Was also ist zu tun?

Voraussetzung für die systemergonomische Entwicklung von Medizinprodukten ist eine detaillierte Beschreibung der Behandlungsaufgaben und -prozesse. Es gilt, Stärken und Schwächen sowie Nutz-, Blind- und potenzielle Fehlleistungen zu identifizieren. Diese Analyse ist Basis einer umfassenden Risiko- und Leistungsbewertung. Auf dieser Grundlage lässt sich in einem zweiten Schritt das bestmögliche Behandlungssystem beschreiben inklusive der Anforderungen an die benötigte Infrastruktur. Ein solches System integriert und synchronisiert das Prozess-, Qualitäts- und Sicherheitsmanagement. Eine besondere Herausforderung besteht darin, die sich dynamisch weiterentwickelnde Medizin zu berücksichtigen, welche ein adaptives, lernendes Arbeitssystem erfordert.

Um die Adaptionsfähigkeit des Behandlungssystems zu garantieren, braucht es Medizinprodukte, die sich modular integrieren lassen. Ein klar definiertes Soll-Konzept für das Behandlungssystem ist Voraussetzung, um nicht nur prinzipielle, sondern auch konkrete Anforderungen an die zu entwickelnden Medizinprodukte besser zu verstehen und zu definieren. Dies kann nur in enger Zusammenarbeit mit den Leistungserbringern erfolgen. Diese Perspektivenvielfalt garantiert zwar die geforderte, systemische Sicht, sorgt aber auch für Sprach- und Kommunikationsbarrieren. Fehlt es an adäquater Moderation, ist der Erfolg einer solchen Zusammenarbeit und damit der systemergonomischen Gestaltung gefährdet.

 

Meet HCMB eG

Hier setzt das Institute for Health Care Systems Management Berlin eG, kurz HCMB eG, an. Sie tritt als „Übersetzer“ zwischen Medizin und anderen Stakeholdern, (z B. medizintechnische und informations- und kommunikationstechnische Industrie, Architektur sowie Politik) auf und sorgt für eine gemeinsame „Sprache“ zwischen den Disziplinen.

Die HCMB eG ist ein interdisziplinäres Beratungsnetzwerk aus erfahrenen Fach‑ und Führungskräften, das seinesgleichen sucht. Sie bietet die Expertise, um innovative und tragfähige Lösungskonzepte zu entwickeln. Durch die Rechtsform der Genossenschaft verknüpft die HCMB eG unternehmerische Ziele mit sozialer Verantwortung. 2001 wurde mit 21 Gründungsmitgliedern aus den Bereichen Medizin, Wissenschaft, Recht, Beratung und IT die HCMB eG aus dem Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft und Produktergonomie an der TU Berlin ausgegründet. Mittlerweile ist die Mitgliederzahl auf 32 angewachsen. Wissenschaftliche Ergebnisse wirtschaftlich nutzen – das ist das Konzept der HCMB eG. Die HCMB eG berät Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, medizintechnische und pharmazeutische Industrie sowie IT-Unternehmen und Bauträger bei Fragen zum Thema Mensch-Technik-Organisation und unterstützt die Politik bei relevanten Entscheidungen im Gesundheitswesen. Ziel ist, einen nachhaltigen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung zu leisten.

 

Autoren:

Dr. rer. oec. Beatrice Podtschaske

Prof. Dr. med. habil. Wolfgang Friesdorf
Institute for Health Care Systems Management Berlin eG – HCMB eG

Aus OP IMPULS 1/2013

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